Die "Heilige Ordnung" der Männer: Hierarchie, Gruppendynamik und die neue Rolle der Frauen


 
Schärft den Blick fürs Hier & Jetzt
• • • •   (bewertet mit 4 von 5 Punkten)

Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Die Heilige Ordnung der Männer. Patriarchalische Hierarchie und Gruppendynamik (Taschenbuch) Der Autor zeichnet nach, wie sich aus den frühen Formen menschlichen Zusammenlebens unsere jetzige Form der Gesellschafts- und Kommunikationsform ausgebildet hat. Aus nachvollziehbaren Gründen kann er nicht jede seiner Thesen mit Fakten belegen. Interessant fand ich trotzdem, was er in den drei Kapiteln an Informationen und Deutungen zusammengetragen hat. Kap. 1 ,Direkte Kommunikation' befasst sich mit der Gruppe und ihrer Entwicklungsgeschichte vom noch nicht arbeitsteiligen Leben im Wald hin zu arbeitsteiligen Jägergesellschaften, das Kommunikation verstärkt nötig machte.
Kap. 2 ,Indirekte Kommunikation' zeichnet die Entwicklung hin zur Bildung von Institutionen, Herrschafts- und Hierarchieformen auf. Er beschreibt, was die hierarchische Organisation des Zusammenlebens bewirkt und möglich gemacht hat (Die 7 Weltwunder etc.) und welchen Preis das Individuum dafür zu zahlen hat(te). Kap. 3 ,Die heilige Ordnung: Denkform und Gesellschaftsform' beschreibt, wie Denken und Gesellschaftsform sich einander bedingen und wie das hierarchische Prinzip Recht, Moral, Wissenschaften durchdringen. Im diesem Kapitel behandelt er auch die Frage, ob die so ,erfolgreiche' und in unterschiedlichsten Kulturen anzutreffende hierarchische Ordnung die einzig mögliche ist oder ob nicht doch Ansätze für andere Ordnungen vorhanden sind. Am ehesten findet er solche Ansätze im Tao, aber auch in Ansätzen von Heraklit, Augustinus und Freud, die jedoch immer wieder unter dem starken Druck der Logiker und der Wissenschaft zu leiden hatten (S. 222).
Geht er auf die unterschiedliche Stellung von Frauen in hierarchischen Systemen in den vorigen Kapiteln immer wieder am Rande ein, so widmet er dieser Problematik gegen Ende des Buchs mehr Raum. Warum sind Frauen in Führungspositionen so selten vertreten? Biologische und ,Sie wollen-nicht-Karriere-machen'-Aussagen hält er für unzureichend. Er geht davon aus, dass das hierarchische System und seine Vertreter nicht an Frauen in Führungspositionen interessiert sind, weil 1. Männer in reinen Männergruppen (er nennt das ,Männergang', die in Tradition von archaischen ,Jagdbanden' stehen) eine bestimmte Art des Umgangs pflegen, der durch Frauen ,gestört' wird; 2. Frauen sich viel häufiger den logischen Prinzipien der Systeme nicht einordnen und dadurch die Arbeitswelt verändern. Grundsätzlich hält er fest: Frauen stehen in unterschiedlichsten Kulturen der Hierarchie skeptisch gegenüber. Dass Frauen sich in Frauengruppen anders verhalten als Männer in reinen Männergruppen und sich Frauen und Männer in gemischten Gruppen wiederum anders verhalten als in geschlechtsgetrennten Gruppen, beschreibt er anhand von Beispielen aus der Gruppendynamik. Als langjährig praktizierender Leiter von gruppendynamischen Trainingsgruppen verfüge er über umfangreiche (schriftlich und filmisch) dokumentierte Erfahrung in T-Gruppenprozessen, die er kurz skizziert, um seine These(n) zu untermauern. In der Folge beschreibt er, warum die vermehrte Teilhabe von Frauen die hierarchische Gesellschaftsordnung ändern wird. Es müssen dann vermutlich alle Normen (Gesetze, Moral) und Spielregeln der Gesellschaft neu definiert werden. Wie eine solche neue Ordnung aussieht, kann man heute noch nicht genau sagen. So viel ist aber sicher: Es wird keine Heilige Ordnung der Männer" mehr sein." (258)
Der Erstauflage des Bandes erschien 1985. Der Großteil der zitierten Literatur bezieht sich auch auf die Jahre vor 1985. Es wurden Erkenntnisse neuerer Literatur ,eingepflegt', aber nicht systematisch. Nicht nur durch die Gender-Forschung verfügt man heute über mehr Erkenntnis als vor 1985. Trotz dieses ,Mangels' fand ich das Buch als Denk-Folie interessant und auch als Nicht-Soziolgin lesbar. Es hat meinen Blick auf Männer, Frauen und hierarchische Systeme geschärft. Nicht in dem Sinne So ist es", sondern eher fragend-beobachtend Ist es so?".
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 9. Juni 2008
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